Interview | Gleichstellung in der Corona Krise: CEDAW im Blick in Göttingen

Politische Partizipation von Frauen während der Corona Krise Interview mit Christine Müller, Gleichstellungsbeauftragte Stadt Göttingen

Frau Müller, Sie sind Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen und Standortverantwortliche der CEDAW Modellregion „Politische Partizipation von Frauen“. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die politische Partizipation von Frauen aus?

Müller: Der Krisenmodus aktiviert eine alte – überholt geglaubte – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Fallen staatliche Leistungen wie z.B. Betreuungssysteme/Essensversorgung in Kita und/oder Schule weg, sind es auch 2020 verstärkt die Frauen – die ja auch überwiegend in Teilzeit arbeiten – die das institutionelle Defizit in der Sorgearbeit mit ihrer erweiterten unentgeltlichen Sorgearbeit auffangen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf ihre Erwerbstätigkeit, sondern auch auf die Möglichkeiten, auf ihr Zeitbudget für politische Partizipation. So tauchen auch politisch engagierte Frauen in Homeschooling, Homeoffice, Essenzubereitung ab und schaffen es schwer, ihre politische Präsenz in digitalisierte Form auf- oder gar auszubauen. Ihr Einfluss auf politische Entscheidungen wird so gemindert.
Auch „bewährte“ alte kurze Wege der Männerseilschaften z.B. kurze Absprachen unter den (i.d.R. männlichen) Fraktionsvorsitzenden werden im Krisenmodus schnell wieder (re)aktiviert. Und auch die Krisenbewältigung wird – Ausnahme Kanzlerin Merkel – von Männern als Wissenschaftler, als wetteifernde Ministerpräsidenten – Laschet, Söder geprägt.

Wie erleben Sie als Gleichstellungsbeauftragte die Situation in Göttingen? Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Müller: Positiv erlebe ich die Offenheit von Netzwerken sich digital auszutauschen und auch die eigene Beratungsarbeit digital per Videokonferenz oder telefonisch aufrecht zu erhalten, z.B. FrauenNotruf. Deutlich allerdings auch, dass Frauen mit Handicap – sei es Seh-/Hörschwäche und/oder Sprachfertigkeit – diese Hindernisse noch deutlicher spüren, ihre Teilnahme bzw. Angebotsnutzung erschwert bis verhindert wird. Barrierefreiheit – auch bei virtuellen Angeboten – und sicher auch bei politischer Partizipation ist ein Fokus, der in und auch nach Corona verstärkt berücksichtigt werden muss. Das trifft auch den Bereich „Politische Partizipation“!

Wie schätzen Sie die Folgen der Corona Krise für die Partizipation von Frauen in der Kommunalpolitik ein – auch im Hinblick auf die Kommunalwahlen im Herbst 2021?

Müller: Da hoffe ich vor allem auf eine verstärkte Politisierung von Frauen und des Themas Gleichstellung. Denn die „alte“ Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist offensichtlich: Frauen halten das System zuhause und in der Öffentlichkeit – im Handel wie in der Pflege aufrecht. Und sie geben sich hoffentlich nicht mehr mit „Beifallklatschen“ zufrieden. In mehrheitlich mit Männern besetzten systemrelevanten Bereichen wie z. B. Müllentsorgung, Feuerwehr gibt es auch betreuungsbedürftige Kinder – da erfolgt erstaunlicherweise keine Forderung nach Notfallbetreuung – bzw. wird mit „kein Bedarf“ abgetan. Wer kümmert sich da um die Kinder?! Hingegen Krankenhäuser mussten sehr schnell reagieren, wenn sie ihr Personal – mehrheitlich Frauen – weiter einsetzen wollten. Da unterstellte kaum einer/r, dass sich da schon die Väter kümmern…

Und die Zerrissenheit für Frauen ist für fast jede spürbar – sicher immer verschieden je nach Erwerbs- und Carearbeitssituation: Sie erleben konkret z.B., dass sie als Lehrerin zwar Abschlussprüfungen abnehmen sollen, die Notbetreuung für ihre eigenen Kinder aber nicht gegeben ist.

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