Interview | Gleichstellung in der Corona Krise: CEDAW im Blick in Aurich

Gesunde Geburt auf dem Land während der Corona Krise Interview mit Birgit Ehring-Timm, Gleichstellungsbeauftragte Stadt Aurich

Frau Ehring-Timm, Sie sind Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aurich und Standortverantwortliche der CEDAW Modellregion „Gesunde Geburt auf dem Land“. Wie wirkt sich die Corona Krise auf die medizinische und psychische Versorgung von Frauen während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett aus?

Grundsätzlich können wir beobachten, dass die aktuellen Rahmenbedingungen für Schwangerschaft und Geburt dazu führen, dass Frauen auf sich selbst zurückgeworfen werden und die Errungenschaften der letzten 30 Jahre auf das „medizinisch Notwendige“ reduziert wurden. Weder die psycho-soziale Situation noch die Erkenntnisse um Familienbindungen finden dabei Berücksichtigung. Dies zeigen folgende Beispiele:

Durch die Pandemie geraten viele Familien in finanzielle Not, die oft die Existenz bedroht. Gerade wenn ein Baby erwartet wird, tritt eine schlecht planbare Zeit ein. Vieles muss neu überdacht werden und die finanzielle Absicherung der Eltern spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn dann auch noch für einen Elternteil Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit droht, kann dieses zu einer starken Belastungsprobe für die gesamte Familie werden.

Eine weitere Herausforderung ist die derzeitige Situation der Kinderbetreuung, falls bereits Geschwisterkinder da sind. Die Einschränkungen in den Betreuungszeiten und die Herausforderungen mit Homeschooling sind für die meisten Eltern heftige Probleme, die sich jedoch noch einmal enorm erhöhen, wenn so eine sensible Lebensphase wie Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett hinzukommt. Nichts ist mehr planbar, der Stresslevel extrem hoch, Unterstützungsangebote gibt es kaum. Die Nerven liegen oft blank und die Mütter tragen die Hauptlast dieser Umstände.

Ganz unglücklich ist außerdem, dass werdende Väter ihre schwangeren Frauen nicht mehr in die Arztpraxen begleiten dürfen. In den Krankenhäusern dürfen sie oft auch erst in der letzten Phase der Geburt dabei sein. Auch hier ist die Frau wieder auf sich selbst zurückgeworfen: Sie verbringt eine extreme Zeit in ihrem Leben alleine im Kreißsaal während sich die Hebamme um mehrere Frauen gleichzeitig kümmern musste und der werdende Vater vor dem Krankenhaus im Auto wartet bis er die Erlaubnis bekommt endlich an der Seite seiner Frau zu sein. Ein gemeinsames Erlebnis einer natürlichen Geburt sieht sicher anders aus.

Bei allem Schutz vor Ansteckung dürfen wir nicht vergessen, dass die Bindungserfahrung, die Eltern und Kind in dieser sensiblen Phase machen, einen unermesslichen Wert für weitere Bindungen der Familie hat. Frauen und Familien in ihrer Bindung in dieser wichtigen Phase zu unterstützen ist ein wesentlicher Bestandteil der Hebammenarbeit. Es ist somit auch dringend erforderlich, dass auch Hebammen in medizinischen Krisenstäben vertreten sind und sich für die Belange der Frauen einsetzen.

Inwiefern sind Frauen im ländlichen Raum zusätzlich benachteiligt?

Das Thema Mobilität und weite Wege stellt für Frauen im ländlichen Raum eine zusätzliche Belastung dar. Durch finanzielle Einbußen in der Coronakrise muss manchmal ein Auto abgeschafft werden. Dann ist die Familie sehr isoliert und die Organisation der Wege sehr aufwändig. Auch die Betreuung durch Hebammen ist an eine Kilometerpauschale gekoppelt, für Frauen auf dem Land ist es somit oft schwierig eine betreuende Hebamme zu finden. Dies hat in der Zeit der Pandemie eine besondere Relevanz, denn aufgrund der Einschränkungen bei den Besuchen bleiben die Wöchnerinnen oft nur sehr kurz im Krankenhaus. Geschwisterkinder können den Familiennachwuchs z.B. im Krankenhaus nicht begrüßen, sondern müssen warten, bis Mutter und Kind gemeinsam nachhause kommen. Viele Frauen verkürzen also die Zeit im Krankenhaus zugunsten der Familienbindung, die in dieser Zeit zentral ist. Die Frauen haben im Wochenbett einen Anspruch auf Hebammenversorgung, jedoch im ländlichen Bereich besondere Probleme eine Hebamme zu finden. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass einige Hebammen nicht mehr zu den Familien kommen, sondern telefonische Beratung anbieten.

Hebammen gelten noch nicht als systemrelevante Berufsgruppe. Welche Folgen hat dies für die Hebammen und die Versorgung der von ihnen betreuten Frauen während der Corona Pandemie?

Die Kinderbetreuung ist dadurch extrem schwierig geworden. Freiberufliche Hebammen, die in der Vor- und Nachsorge tätig sind, müssen ggf. die Berufstätigkeit reduzieren. Das führt zu finanziellen Einbußen, manchmal auch zu Existenzbedrohungen bei den Hebammen und zu Versorgungslücken bei Schwangeren und im Wochenbett.

Die aktuelle Krise verschärft somit den aktuellen Hebammenmangel noch einmal drastisch. Ein weiteres Problem ist, dass natürlich auch einige Hebammen Vorerkrankungen haben und zu Risikogruppen zählen. Auch die Sorge vor Ansteckung führt in diesem Kontaktberuf dazu, dass in Vor- und Nachsorge die Kontakte minimiert und die Betreuung ggf. reduziert wird. Eine unbegreifliche Tatsache ist, dass freiberufliche Hebammen bei der Verteilung von Schutzmasken und -kleidung nicht berücksichtigt wurden, da sie ja auch nicht als systemrelevant eingestuft wurden.

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